spendenmagmagazin2021

gesprochen ist die Not dort am größten, wo Kriege und Naturkatastrophen als Folge von Umweltzerstörung herrschen und wo es keine funktionierenden sozialen Siche- rungssysteme gibt. Welches Ereignis während Ihrer Arbeit als Botschafterin hat Sie besonders geprägt? Eine Reise nach Indien, in den Textilgürtel von Tamil Nadu, wo mehr als zwei Millionen Menschen in der Textilindustrie arbeiten. Dort haben wir terre-des-hommes-Projekte vor Ort besucht. Selbst in den Spinnereien, die wir über- haupt besichtigen durften, gab es keinerlei Arbeitsschutzmaßnahmen – keine Atem- masken, keine Ohrstöpsel. Zudem schlafen die Mädchen und jungen Frauen auf dem Gelände, dürfen es überhaupt nicht verlas- sen. Das wird von der Fabrik als „Hostel“ und gute Versorgung verkauft, ist aber im Grunde eine moderne Form der Sklaverei. Was mich in einer Spinnerei, die wir be- sucht haben, am meisten abgeschreckt hat, war der enorm hohe Lärmpegel. Selbst in den Schlafräumen hatten die Mädchen keine Ruhe, dort war es genauso laut. Eine Ärztin betonte übrigens, wie hoch die Ge- fahr von Hörschäden ist. Auch die Gefahr von Verletzungen war beim Wechseln der Spindeln sehr hoch. Einmal im Jahr gibt es fünf Tage Urlaub. Viele Mädchen bitten ihre Eltern, nicht zurück in die Fabriken gehen zu müssen. Aber das System sieht so aus, dass die Mädchen für drei Jahre unterschreiben und sich damit das Geld für die Mitgift bei der Hochzeit verdienen. Ein Mädchen war zur Übernahme einer zweiten Schicht gezwungen worden, obwohl sie todmüde war. Sie ist in ihrer Erschöpfung mit den Beinen in eine Maschine geraten, sodass ihre Unterschenkel amputiert werden mussten. Sie wurde in ein Krankenhaus gefahren und die Fabrik behauptete, dass sie damit nichts zu tun habe. Ihren Fall hat die Partnerorganisation von terre des hommes vor Gericht gebracht, sodass das Mädchen zumindest eine kleine Leibrente bekommt. Die westliche Welt profitiert zum Teil auch von Kinderarbeit. Wie lässt sich das än- dern? Ich denke, wir müssen das Lieferkettenge- setz ausbauen. Wir brauchen Label: „ohne Kinderarbeit gefertigt“, wie beim Teppich- siegel Rugmark. Und wir müssen hier in den Industrienationen das Bewusstsein der Verbraucherinnen und Verbraucher schärfen. Wer konsumiert, hat viel Einfluss, wenn er oder sie will. Zuletzt haben die Diskussi- onen um Flüchtlinge wieder zugenommen. Welche Ver- antwortung kann und sollte Deutschland hier übernehmen? Wir sind ein reiches Land! Es ist eine Schan- de, wenn Zustände wie in Moria geduldet werden. Kinder sollten bei uns Zuflucht finden, in Frieden aufwachsen können. Mir ist klar, dass wir nicht die ganze Welt retten können. Aber wenn ein Kind Hilfe braucht, dürfen wir sie nicht verweigern. Das sage ich auch als Christin. Wie sieht es mit Kinderrechten in Deutschland aus? Wo ist hier noch Ver- besserungsbedarf? Mich beunruhigt, dass soziale Herkunft und Bildungsabschluss so eng zusam- menhängen. Und dass jedes sechste Kind in Armut aufwächst. Armut ist bitter und grenzt aus! Sehr gut war an einem terre- des-hommes-Projekt in Weiden zu erleben, was es bedeutet, wenn Kinder konkret ge- fördert werden mit Hausaufgabenhilfe, Sprachförderung und Betreuung. Für sie eröffnen sich Chancen, die sie sonst nie gehabt hätten! Die positive Haltung zum Spenden gehört zum Kern praktisch aller Weltreligionen. Wenn wir hier in Deutschland seit Lan- gem eine Entwicklung zum Bedeutungs- verlust der christlichen Kirchen sehen, was bedeutet dies nach Ihrer Erfahrung und Ihrer Einschätzung für die Zukunft des Spendens hierzulande? Zum einen sind noch immer mehr als die Hälfte der Deutschen Mitglied einer der christlichen Kirchen, mehr als fünf Pro- zent sind Musliminnen und Muslime, es gibt Menschen jüdischen, hinduistischen, buddhistischen Glaubens in unserem Land. Die religiöse Tradition des Gebens für Schwächere wird also erhalten bleiben. Aber ich denke, auch Menschen, die nicht Fotos: Christel Kovermann, Norbert Neetz, terre des hommes Wer konsumiert, hat viel Einfluss, wenn er oder sie will Eine besonders prägende Erfahrung: Margot Käßmann bei einer Reise in den Textilgürtel Indiens 22 | Interview

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