2018

Viele Mitglieder, viele unterschiedliche Interessen Insgesamt hat das Textilbündnis damit eine Arbeitsstruktur ent- wickelt, mit der durchaus eine systemische Änderung der Produk- tionsbedingungen in der Bekleidungsindustrie erreicht werden könnte. Doch im Prozess hakt es gewaltig. Und die Erwartungen der verschiedenen Mitglieder liegen extrem weit auseinander, auch auf Seiten der Wirtschaft. Dort gibt es Mittelstandsunternehmen, die sich bisher wenig mit Umwelt- und Sozialstandards in ihren Lieferketten beschäftigt haben und sich meist durch wenig fort- schrittliche Wirtschaftsverbände vertreten lassen. Zudem spielt ein nationales Textilbündnis bei großen internationalen Unternehmen für deren globale Strategien manchmal nur eine untergeordnete Rolle. Viele kleinere Unternehmen, die Nachhaltigkeit als Kern ih- rer Geschäftstätigkeit sehen, haben das Bündnis inzwischen ver- lassen, auch aufgrund der niedrigen Standards. Streitpunkt Transparenz Diese verschiedenen Interessen führen häufig zu extrem verzwick- ten Verhandlungssituationen, was sich am Beispiel der Offenlegung von Lieferanten aufzeigen lässt: In den letzten Jahren legen gro- ße Bekleidungsunternehmen, auch auf Druck von internationalen NROs, immer häufiger ihre Zulieferer offen. Der Gedanke dahinter: Über die Transparenz können kritische NROs über Partnergewerk- schaften in den Produktions- ländern nachvollziehen, ob es Arbeitsrechtsverletzungen bei den Zulieferern der Marken- und Handelsunternehmen gibt. Dadurch können aufgetretene Arbeitsrechtsverletzungen, wie die Einschränkung von Gewerk- schaftsarbeit, schnell kommuni- ziert und häufig beseitigt werden. Viele Unternehmen im Textil- bündnis sträuben sich jedoch, ihre Lieferanten offenzulegen. Sie fürchten, dass Konkurrenten ihnen die Lieferanten streitig machen könnten. Auch ein geplanter Kompromiss, dass die Lieferanten der Textilbündnismitglieder in einer aggregierten Liste offengelegt werden – vergleichbar zu den Niederlanden – scheiterte. Freiwilligkeit ohne Konsequenzen Allzu häufig verlassen Unternehmen das freiwillige Bündnis, so- bald ihnen etwas nicht passt. So zum Beispiel geschehen bei dem Herrenausstatter Roy Robson: Nach einer Beschwerde eines inter- nationalen Gewerkschaftsbunds über die Behinderung von Gewerk- schaftsaktivitäten in einer eigenen Fabrik in der Türkei ist Roy Robson einfach sang- und klanglos aus dem Bündnis ausgetreten, ohne jegliche Konsequenzen. Nur weil ein Unternehmen Mitglied im Textilbündnis ist, bedeutet dies also nicht, dass die Produkte unter guten Arbeitsbedingungen hergestellt sind. Positiv muss definitiv hervorgehoben werden, dass die Mitglieder sich immerhin freiwillig diesen Anforderungen stellen. Die Hälfte des deutschen Bekleidungsmarktes drückt sich bisher um diese Verantwortung. Daher halten die NROs gesetzliche Regelungen für unbedingt notwendig. Diese müssen Unternehmen zur Offenlegung Das Textilbündnis bietet die Chance auf Veränderung – doch im Prozess hakt es gewaltig « Die Näherinnen müssen in einem mit Pfählen auf Sumpf gebauten Wohnviertel leben, zu mehr reicht ihr Einkommen nicht Die Folgen der harten Arbeitsbedingungen: Die Mitarbeiterinnen einer Fabrik in Bangladesch schlafen in der Pause erschöpft ein ihrer Lieferkette sowie zur Achtung von Sozial- und Umweltstan- dards verpflichten und Klagemöglichkeiten schaffen. Ohne diese Regularien fehlen effektive Sanktionen für verantwortungslos han- delnde Unternehmen. Für die NROs hängt die Mitarbeit im Textil- bündnis am seidenen Faden. Das Bündnis motiviert die Unterneh- men bisher zu wenig, sich für bessere Umwelt- und Sozialstandards in ihren Lieferketten zu engagieren, und stellt sich unter anderem durch den Anspruch der hohen Marktabdeckung zunehmend als Plattform für Mindeststandards heraus. Es wäre schade, wenn das Bündnis scheitert, da eine große Chance vergeben würde. Letztlich wird das Umdenken bei Unternehmen und Politik jedoch nicht ohne Druck kommen. So kann die Arbeit der zivilgesellschaft- lichen Organisationen unterstützt werden, wenn sich Bürger/innen an lokale Abgeordnete wenden und diese dazu auffordern, sich für verbindliche gesetzliche Regelungen zu Umwelt- und Sozialstandards in den globalen Lieferketten der Marken- und Handelsunternehmen zu engagieren. Alternativ können Konsumenten/Konsumentinnen sowie Bürger/innen auch direkt Unternehmen ansprechen und auf- fordern, für bessere Arbeitsbedingungen, existenzsichernde Löhne und weniger Umweltauswirkungen in ihren Lieferketten zu sorgen. Tim Zahn, Koordinator der zivilgesellschaftlichen Akteure im Textilbündnis Fotos: Gisela Burckhardt/FEMNET e.V. Soziales | 9

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