2018
Hilfsprojekte sind nicht sinnvoll ohne die Entscheidung oder Aktivität der betroffenen Menschen“ projekte sind nicht sinnvoll ohne die Entscheidung oder Aktivität der betroffenen Menschen. Paternalistisch von oben herab für andere zu entscheiden, ist nicht nur ethisch fragwürdig. Thomas Gebauer: In akuten Notlagen ist es hin und wieder notwen- dig, Menschen von außen Hilfe zukommen zu lassen. Geht es aber um eine nachhaltige Überwindung von Armut und Abhängigkeit, muss der grundlegende Impuls von den Betroffenen selbst ausgehen. Die sind keineswegs so hilflos, wie sie manchmal dargestellt werden. Auch in Katastrophen ist zu beobachten, wie Menschen sich zusam- menschließen und in Eigeninitiative nach Alternativen suchen. Woran lässt sich der Erfolg eines Hilfsprojekts messen? Thomas Gebauer: Sozialer Wandel ist nicht planbar; die Wirkung von Projekten lässt sich nicht kurzfristig beurteilen. Dafür braucht man ganz lange Zeiträume. Wie wollen Sie den Erfolg von Menschen- rechtsaktivisten messen, die sich gegen einen Diktator zu Wehr setzen? Wenn ausschließlich betriebswirtschaftliches Effizienzden- ken die Wirkungsmessung bestimmt, gehen große Ziele wie sozi- ale Gerechtigkeit, interkulturelle Verständigung oder Demokratie verloren. Ist Kampfgeist für das Gelingen eines Hilfsprojekts wichtig? Thomas Gebauer: Den braucht es, aber auch klare Analysen und vernünftige Strategien. Bei extremen Umständen wie denen, die in den Diamantenminen von Sierra Leone herrschen, wäre es fatal, die unmittelbare Konfrontation mit den Repressionskräften zu suchen. Hier ist langfristige politische Arbeit notwendig. In Lateinamerika nennt man das „geduldige Ungeduld“. Über konkrete Projekte hinaus betonen Sie die Notwendigkeit weitreichender Veränderungen. Warum erwähnen Sie diese in Ihrem Buch immer wieder? Thomas Gebauer: Auf der einen Seite braucht es empathischen Aktivismus, um Not und Leiden im Alltag zu lindern. Andererseits sollte es die Vision der Überwindung von struktureller Gewalt und immanenter Ungerechtigkeit geben – lokal, aber auch trans- national. Ein Beispiel ist die Situation der Textilarbeiterinnen in Pakistan. Ihren Schutz vor Ort aufzubau- en ist wichtig. Global können wir solche Prozesse aber auch unterstützen, um zu menschenwürdigen Lebensverhältnissen zu kommen. Für die Bundesregierung wäre es ein Leichtes, Richtlinien zu erlassen, die den Import von Textilien an die verbind- liche Einhaltung festgelegter Richtlinien binden. Ilija Trojanow: Wir wissen alle, dass das Maß an Ausbeutung von Natur und Men- schen voll ist, dass die Fokussierung auf Konsum und Expansi- onswirtschaft nicht zukunftsfähig ist. Jetzt ist es an der Zeit, auch radikalere Visionen zu entfalten. Die brauchen wir dringend. Dauern derartige Systemveränderungen nicht jahrzehntelang? Thomas Gebauer: Als Kontrastprogramm zum weit verbreiteten Mythos der Alternativlosigkeit wollen wir zeigen, dass es Möglichkei- ten gibt, die längst ausprobiert und gelebt werden. In einigen unserer Projekte scheint dieses Neue schon auf, unter anderem in Nicaragua, wo Menschen Land besetzt und damit deutlich gemacht haben: Wir wollen unser Leben selbst in die Hand nehmen. Unabhängig von der schwierigen Stuation im Land steht ihr Projekt heute wirtschaftlich und sozial sehr gut da. Haben sich Ihr Weltbild und Ihre Haltung durch die Recherchen verändert? Ilija Trojanow: Für eine tiefe Anteilnahme muss man Dinge selbst gesehen haben. In Guatemala und in Borneo waren das über 60, 80 oder 100 Kilometer hinweg ausschließlich Palmölplantagen, wo zuvor Regenwald wuchs. Ähnlich ging es mir beim Diamantenab- bau in Sierra Leone. Ich habe nichts auf der Welt gesehen, was so schrecklich ist wie diese Zerstörung von absolut allem. Thomas Gebauer: Die Anschauung vor Ort ist etwas, was einen emotional nicht kalt lässt. Ich kann das nur aushalten, weil parallel der Kontakt zu lokalen Partnern existiert, die sich in einer bewun- dernswerten Weise engagieren, um gegen herrschende Missstände vorzugehen. So gelingt etwas, so kann man unterwegs auch Posi- tives erfahren. T HOMAS G E BAU E R Der 1955 Geborene studierte Psychologie und Soziologie. Nach dem Diplom begann er, für medico international zu arbeiten; seit 1996 ist er dort Geschäftsführer. In seiner Arbeit be- schäftigte sich Thomas Gebauer intensiv mit einem kritischen Begriff der Hilfe. Aus Protest gegen das Problem der Landminen initiierte er mit Bobby Muller eine Kampagne zu deren Verbot. Diese wurde 1997 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, weil sie wesentlich zum Entstehen der Ottawa-Konvention beitrug. Es braucht empathischen Aktivis- mus, aber auch neue Visionen Fotos: iStock, PR 20 | Interview
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