spendenmagazin2020

für Kinder, Jugendliche, aber auch gezielt Frauen eine Vielzahl von Aktivitäten angeboten werden. Es wird nicht nur versucht, durch Beschäftigung Normalität zu vermitteln, es werden auch gezielt Kurse angeboten, die Jugendlichen den Berufseinstieg erleichtern sollen. Hierzu gehören neben Englisch- und Computerkursen auch Dinge wie Bewerbungstrainings. Unterm Strich bieten die Gemein- dezentren eine Anlaufstelle für alle Menschen im unmittelbaren Umfeld. Wenn nicht direkt geholfen werden kann, wird zumindest versucht, andere Lösungsmöglichkeiten für indivi- duelle Problemlagen zu finden. Großes Thema sind sicher auch die rückkehrenden Binnenvertriebenen, die ihre zerstörten Häuser wieder beziehen möchten. Sie machen den Groß- teil der Geflüchteten aus. Wir haben einen jungen Mann Anfang 20 besucht, der als einziger männli- cher Überlebender für seine ganze Familie sorgen muss. Mit der Unterstützung von SARC konnten die wichtigsten Reparaturen an seinem Haus vorgenommen werden, sodass zumindest die Fenster dicht sind und ein Mindestmaß an Privatsphäre durch Decken und Planen gewährleistet ist. Dieses Zusammentreffen inmitten der Trümmer seines Zuhauses war sehr intim und schwer, weil die bleibende Verwundbarkeit dieser Familie so allgegenwärtig war. Beeindruckend waren auch die von SARC unterstützen Kleinunternehmen. Mit geringen Mitteln konnten Bä- ckereien und Autowerkstätten in Betrieb genommen werden, sodass Familien wieder Geld verdienen und sich versorgen können. Als Sie in Syrien waren, war Corona noch kein weltweites Thema. Was hat sich seither verändert, sowohl für die Bevölkerung wie auch die Helfer und Helferinnen? Für einen Videodreh habe ich erst vor einigen Wochen mit einer DRK-Mitarbeiterin in Syrien gesprochen. Was in demGespräch deut- lich wurde, ist, dass sich ein Land, in dem viele Krankenhäuser zer- stört und Gesundheitspersonal geflohen ist, natürlich in einer sehr schlechten Ausgangslage befindet, diese Pandemie zu stemmen, mit der wir auch letztendlich in Europa überfordert sind. Covid-19 und nötige Schutzmaßnahmen machen humanitäre Hilfe an sich komple- xer, zur selben Zeit steigt aber auch der Bedarf der Familien. Es liegt eine unglaubliche Herausforderung vor den Helfenden. Droht Syrien, aufgrund der Pandemie und anderer Krisen in Ver- gessenheit zu geraten? Ich weiß nicht, ob es wirklich „vergessen“ wird. Aber natürlich dreht sich unser Leben nun vorrangig um unsere eigene Verwundbarkeit, auch hier bangen viele Menschen um ihre Existenz, haben Angst. Aber vielleicht erinnert uns die Pandemie dann auch daran, dass wir für vieles, was wir hier als selbstverständlich erachten, sehr dankbar sein sollten. Vielleicht lehrt sie uns wieder mehr Empathie, die ja manchmal abhandengekommen scheint. Das mag ein naiver Gedanke sein, aber wie heißt es immer – die Hoffnung stirbt zuletzt … Welche Erfahrungen haben Sie mit der Bevölke- rung gesammelt? Es gibt immer Gesprächsfetzen und Gesichter, die einem besonders im Kopf bleiben. Wir sind auf dem Rückweg von Homs nach Damaskus in einen der zerstörten Vororte, Harasta, gefahren. Dort kam ich in ein Gespräch mit einem der freiwilligen Helfer, er ist 30 und hat gerade sein Zahnmedizinstudium beendet. Anstellung findet er aber keine, sein Leben gleiche oft einem nicht enden wollenden Albtraum, sagt er. In der Unterhaltung fragt er, was ich mache, ob ich Familie habe und ähnliches. Ich erzähle ihm also von Berlin, meiner Arbeit als Schauspieler und meinen zwei Kindern. Ich sage ihm, dass meine Frau und ich momentan oft übermüdet sind, weil unser Sohn viel schreit und nicht durchschläft. Daraufhin lächelt er und sagt: „Sei doch froh, dann weißt du wenigstens, dass er noch lebt.“ Er sagt das so echt und vollkommen unzynisch. Ausschnitte wie diese haben mir gezeigt, welche tiefschürfende seelische Wunden dieser Kon- flikt hinterlassen hat. Dieser dunkle Schatten in den Augen aller meiner Gesprächspartner wird mir lange im Gedächtnis bleiben. Was haben Sie insgesamt von dieser Reise mitgenommen? Es ist unglaublich, was es für heldenhafte, selbstlose Menschen in all dem Elend gibt, die ihr eigenes Leben zurückstellen, es immer wieder aufs Neue riskieren, um anderen zu helfen. Da gibt es ein Gedicht mit der Zeile „Ein bisschen mehr wir und weniger ich …“ – dies versuche ich, mir immer wieder vor Augen zu führen. Interview: Oliver Armknecht Auf seiner Reise durch Syrien hat der Schauspieler auch Gemeindezentren besucht, die für viele zu ersten Anlaufstellen geworden sind. Dort wird eine Vielzahl von Aktivitäten wie beispielsweise Computerkurse und Bewerbungstrainings angeboten Dieser Konflikt hat bei vielen tiefe seelische Wunden hinterlassen « Fotos: Syrisch Arabischer Roter Halbmond (SARC), Ludwig Trepte 20 | Interview

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